Bumon

 


Gegensätze ziehen sich an

 

Über Yin, Yang, In, Yo, Go und Ju.

 
Von Daniel Däuber

 

Wer oder was sind denn bitte „Yin, Yang, In, Yo, Go und Ju“?

 

Sind das sechs japanische Geschwister? So etwa wie Donald Ducks drei Neffen Tick, Trick und Track? Nein. In diesem Artikel sprechen wir mal über Gegensätze und Gemeinsamkeiten. (Es könnte also durchaus irgendwie um Geschwister gehen. Tut es aber nicht. Irgendwie aber auch doch.) Aber fangen wir von vorne an!

Ihr habt die meisten der sechs Begriffe sicher schon mal gehört. Wahrscheinlich aber nicht einzeln, sondern als Wortpaare. Die ersten vier sind:

Yin Yang.

In Yo.

Yin und Yang kennt ihr sicherlich bereits vom bekannten chinesischen Yin-Yang Symbol (Traditionelles Chinesisch: 陰陽; Vereinfachtes Chinesisch: 阴阳), mit der sich gegenüberstehenden schwarzen Fläche mit weißem Punkt und der weißen Fläche mit schwarzem Punkt. Hier geht es also schon mal um Gegensätze. Dazu aber später noch mehr.

In und Yo kennt man schon weniger. Nun, In-Yo oder Inyo ist einfach die japanische Übersetzung des chinesischen Yin-Yang und hat die gleiche Bedeutung. Das Zeichen wird in Japan aber oft anders dargestellt. Und obwohl die wenigsten von euch den Begriff wohl vorher schon mal gehört haben, hat wahrscheinlich die Hälfte von Euch das japanische In-Yo-Symbol schon mal gesehen. Wer es nicht kennt, sieht es hier angezeigt. Ein kleinerer, roter in einem größeren, weißen Kreis. Wer diesen Artikel auf der Webseite des Bujutsu Kan Neckar-Odenwald ließt, findet das In-Yo Symbol sicher dort auch irgendwo wieder 😉

Bleibt noch die Frage nach dem Go und Ju, unserem letzen Wortpaar. Aber bevor wir diese auflösen, schauen wir uns diese Gegensätze noch mal etwas näher an und überlegen, was sie denn überhaupt mit Karate und anderen Kampfkünsten zu tun haben.

Gegensätze ziehen sich an

Sowohl das In-Yo als auch das Yin-Yang stehen für alle möglichen Gegensätze: weiblich und männlich, passiv und aktiv, nehmend und gebend, dunkel und hell, negativ und positiv. Bevor jetzt aber jemand denkt, dass bedeutet das Frauen negativ und Männer positiv sind… falsch gedacht! Man muss das neutral sehen. Hell ist nicht automatisch gut, und dunkel ist nicht automatisch schlecht. Versucht mal in einem zu hellen Zimmer zu schlafen, und Ihr wisst was ich meine.

Die alten Japaner und Chinesen verstanden, dass diese all diese Begriffe nicht nur Gegensätze sind, sondern auch zusammen gehören. Ohne Schwarz kann es kein Weiß geben und umgekehrt. Ohne Gut gibt es kein Böse, und ohne Oben kein Unten. Ohne Licht gibt es keinen Schatten, und ohne Frauen keine Männer. Fehlt jeweils eines von Beiden besteht ein Ungleichgewicht. Sind dagegen beide Gegensätze im selben Maß vorhanden, ist alles in Balance und in Harmonie. Wie auf den zwei Seiten einer alten Waage.

Die Farben und Linien im Yin-Yang Symbol versuchen diese Einheit und Balance auszudrücken. Die Beiden Farben sind nicht einfach in zwei gleiche Hälften eines Kreises aufgeteilt, sondern umschlingen sich. Sie beinhalten sogar jeweils ein Stückchen ihres jeweiligen Gegenteils. Und auch in den Chinesischen Schriftzeichen finden wir Hinweise auf Gegensätze und Zusammengehörigkeit. Das Linke Schriftzeichen (Yin; 陰) bedeutet “bewölkt, düster”, das rechte (Yang; 陽) bedeutet “hell”. In der traditionellen Schreibweise finden wir innerhalb des linken und rechten Zeichens noch mehr einzelne Zeichen, die ich für Euch farbig markiert habe. Das grüne Zeichen steht für “jetzt, Präsenz, anwesend sein”. Das blaue steht für Wolken. Gelb repräsentiert die “Sonne” und orange bedeutet “strahlend”. Die zwei Zeichen, die nicht farbig markiert sind bedeuten Hügel. Zusammen also etwa ”Die schattige and sonnige Seite eines Hügels”. Hell und Dunkel sind zwar Gegensätze, aber sie sind doch gemeinsam auf einem Hügel, gehören also auch untrennbar zusammen.

 

 

Braucht man Gegensätze in Kampfkünsten?

Sind solche Gegensätze denn gut? Bezogen auf eine Kampfkunst, wäre es denn nicht besser wenn man da nur starke und kraftvolle Stöße, Tritte und Abwehrtechniken hätten? Gewinnt man damit im Notfall einen Kampf nicht eher, als mit leichten, sanften Techniken? Hat man denn etwas davon, solche gegensätzliche Elemente in einer Kampfkunst zu vereinen? Hmm. Mal genauer nachdenken…

Es gibt viele Kampfkünste, die harte und sanfte Elemente miteinander verbinden. Kung Fu zum Beispiel. Besonders eindrucksvoll sieht man das in der Kung Fu StilRichtung “Wing Chun”. Dort gibt es sehr harte, kräftige und direkte Techniken, es wird aber auch das weiche und fließende und trotzdem sehr effektive Chi-Sao (Klebende Hände) geübt, bei dem man lernt, Bewegungen des Gegners zu erspüren und dessen Kraft umzulenken. Hart und weich. Auf japanisch: Go und Ju – unserem letzen Wortpaar.

Spätestens jetzt werden bei den meisten von Euch die Glocken läuten, denn Go und Ju kennt ihr ja alle von dem Karate-Stil, der in unserem Dojo gelehrt wird:

Goju-Ryu – Harter und weicher Stil.

Dabei steht “Go” (剛) für hart und “Ju” (柔) für weich. Harten und kraftvollen Techniken stehen dabei sanfte, fließende, runde Bewegungen gegenüber. Warum macht es Sinn, nicht nur harte sondern auch sanfte Techniken zu trainieren? Aus ganz vielen Gründen. Hier mal nur einige wenige (…vielleicht fallen Euch ja noch weitere ein?):

• Wenn man immer nur harte Techniken nutzt, kann sich ein Gegner leicht darauf einstellen. Kann man seine Strategie und Techniken dagegen variieren, ist man weniger berechenbar.

• Sanfte Bewegungen brauchen weniger Kraft und man ermüdet nicht so schnell. Ein Kampf wird nicht von dem entschieden, der die meiste Kraft hat, sondern durch den der seine Kräfte besser einteilt und länger durchhält.

• Die kurze Meditationsphase (jap.: mokuso; 黙想) zu Trainingsbeginn und -ende sind ein mentaler Gegensatz zum körperlichen Training. Anspannung und Entspannung gehören zusammen.

Sanftheit und Kraft in Harmonie

Eines meiner liebsten Beispiele dazu ist eines, das all unsere vermeintlich ungleichen “Geschwisterpaare” unter ein gemeinsames Dach bringt. Es ist von Bruce Lee, wie er einen geraden Fauststoß aus seinem “Stil” Jeet Kune Do beschreibt:

 

“Die Faust sollte locker gehalten und nach vorne gestoßen werden,

und erst beim Aufprall versteifen, was die Wirkung des Fauststoßes verstärkt.”

(“The straight lead should be held and thrown loosely and easily, tightening only

upon impact, adding to one’s punch.”).

 

Sanftheit und Kraft – in einer einzigen Technik vereint. Und was sonst würde unser Goju-Ryu besser beschreiben als das?

 


Was hat Karate mit Griechenland zu tun?

Von Daniel Däuber

Karate und Griechenland. Was sollten die miteinander zu tun haben? Nichts, oder? Karate kommt aus Japan. Aus Griechenland kommen Tsatsiki und Oliven. Beides lecker, aber Gemeinsamkeiten mit Japan? Keine, oder? Mal genauer überlegen. Wofür ist Griechenland denn noch berühmt – abgesehen vom leckeren Essen? Füüüür? Na? Genau. Für seine Philosophen in der Antike: Aristoteles, Platon, Sokrates. Schon mal gehört, oder? Na klar! Und damit haben wir auch schon unsere Verbindung zwischen Karate und Griechenland. Philosophie.

Ich wage mal zu bezweifeln, dass die alten Philosophen Karate betrieben haben. Das haben sie mit unserer Kampfkunst also wohl nicht gemeinsam. Aber sie haben “philosophiert”, also viel nachgedacht. In der Philosophie geht es also ums Denken. Und vieles über was die griechischen Philosophen so nachgedacht haben, gilt bis in die heutige Zeit und hat auch so einiges mit unserer Kampfkunst zu tun.

Links: Zenon von Kiton (Bildquelle: Servizio fotografico : Napoli, 1969 / Paolo Monti. Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Aber im Karate gehts doch ums Kämpfen, nicht ums Denken,
oder? Wozu brauchen wir denn den Kopf im Karate. Den
meisten von Euch ist sicher bereits klar, dass es im Karate
nicht nur ums Kämpfen mit Fäusten und Füßen geht, sondern
auch ums Kämpfen mit dem Verstand. Also nochmal zurück
zur Frage “ Was hat Karate mit Philosophie zu tun”.
Philosophie kann man auch als innere Einstellung oder als
Geisteshaltung verstehen. Und spätestens jetzt wird klar:
Darum gehts im Karate ja ganz allgemein auch!
Lasst uns mal gemeinsam einige Beispiele anschauen. Eine der wichtigsten Richtungen in der Philosophie nennt sich “Stoa” oder auch “Stoizismus” und wurde vom griechischen Philosophen Zenon von Kiton  (333 – 262 v. Chr.) begründet.

Zenon unterrichtete in einer Säulenhalle (Stoa) auf dem Marktplatz von Athen, daher der Name. Den Begriff Stoa findet man bis heute. Wir können zum Beispiel stoisch – also geduldig, unerschütterlich, diszipliniert – Karate trainieren.  Oder wir können in einer brenzligen Situation eine stoische Ruhe – also Gelassenheit und Besonnenheit – bewahren. Diese Werte kennen wir auch vom Karate-Do.

Der Stoizismus hat sich von Griechenland bis nach Rom ausgebreitet, und der letzte große Stoiker war der römische Kaiser und Philosoph Mark Aurel (121 – 180), auch Marcus Aurelius genannt. Der hat seine Gedanken in einigen Büchern (Meditationen oder Selbstbetrachtungen genannt) niedergeschrieben, die noch heute millionenfach um die Welt gelesen werden.  Lest mal diesen Gedanken von Mark Aurel und überlegt für Euch selbst, ob dieser nicht auch im Karate-Training anwendbar ist.

 

“Übt euch in freiwilliger Erschwernis”

 

Die Idee dahinter ist, nicht den leichten, sondern den schwereren Weg zu gehen. Klingt erstmal unlogisch. Vielleicht sogar etwas dumm. Ist es aber nicht! Stellt euch vor Ihr habt einen Monat lang jeden Tag die Wahl den Aufzug oder die Treppe zu nehmen. Was glaubt ihr in welchem Szenario ihr nach 30 Tagen stärker und fitter seid als zuvor? Wir haben die Wahl. Die Wahl, ins Training zu kommen oder es uns daheim vorm TV gemütlich zu machen. Die Wahl, im Training entweder alles zu geben, oder zu versuchen uns nicht so sehr zu Verausgaben. Wir haben die Wahl, uns immer wieder selbst  zu überwinden und ständig besser werden. Karate lehrt uns genau diese Lebenseinstellung! In diesem Sinne: Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein.

Stammt Karate denn nun wirklich aus Griechenland?

 

Es gibt wirklich Theorien, die besagen dass die Ursprünge des Karate (zumindest teilweise) in Griechenland liegen könnten. So wie der Ursprung der heutigen Landwirtschaft und Viehzucht in einem Gebiet namens “Fruchtbarer Halbmond” im ehemaligen Persien liegt, könnten sich Kampftechniken von dort über Griechenland und China bis nach Okinawa und Japan ausgebreitet haben, auch wenn das nicht wissenschaftlich bewiesen ist.

In der von den Sumerern errichteten Stadt Urq, einer der ersten Städte der Menschheitsgeschichte, fand man Tonscherben mit Bildern von ringenden und boxenden Männern. In Griechenland entwickelte sich ein Kampfsystem namens “Pankration”, bei dem Treten, Stoßen, Würgen, Werfen und Bodenkampf erlaubt waren.

Im südlichen Indien entstand dann noch vor der Geburt des Buddhismus eine Kampftechnik mit leeren Händen namens “Kalaripayat”. Um 520 n. Chr. Soll der buddhistische Mönch Bodhidharma von Indien nach China gekommen sein und dort neun Jahre lang im Shaolin Tempel gelebt und meditiert haben. Er brachte den chinesischen Shaolin Mönchen 18 Kata zur “Transformation der Sehnen und Bänder” und Atemtechniken bei. Diese Techniken sind Wohl der Ursprung des chinesischen Kempo (Kempo  ist die japanische Aussprache des chinesischen Worts quanfa, ist ein japanischer Sammelbegriff für verschiedene Kampfkünste, zu denen auch das Kung Fu zählt). Und die Ausbreitung der chinesischen Kampfkünste nach Okinawa und Japan ist Euch ja wahrscheinlich bekannt. Wenn nicht, ist das eine Geschichte für ein anderes Mal.

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